Fachgespräch: Wann wird Schall gefährlich?

"Wann wird Schall gefährlich?" wird teilnehmerstärkstes Fachgespräch der Legislaturperiode:  BVB / FREIE WÄHLER bringt tieffrequenten Schall und Infraschall ins Gespräch

Iris Schülzke eröffnet das Fachgespräch "Wann wird Schall gefährlich?". Mit über 70 Teilnehmern war es überaus gut besucht 

Vor allem durch den massiven Ausbau der Windkraft sind tieffrequenter Lärm und Infraschall ein wachsendes Problem in Brandenburg. Am Vorabend des "Internationalen Tages gegen den Lärm" widmete die Landtagsgruppe BVB / FREIE WÄHLER dem Thema daher am 25.04.2017 ein Fachgespräch.

Dr.-Ing. Wolfgang Rasim zeigte, dass sich tieffrequenter Schall durch Hindernisse kaum aufhalten lässt. Er wird auch als Körperschall durch Festkörper übertragen und dabei gegenüber den höheren Frequenzen, wie auch in der Luft, erheblich weniger gedämpft. Als praktisches Beispiel führte er die Probleme mit lauter Musik in Mehrfamilienhäusern auf. Was durch die Wände bei den Nachbarn ankommt und zu Beschwerden führt, sind meist nicht die Töne im mittleren und hochfrequenten Bereich, sondern vor allem die tieffrequenten Bässe. Der Referent wies auf theoretische und messtechnische Untersuchungen der "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe" Hannover (BGR) hin, nach denen der Schalldruckpegel des Infraschalls in der Luft auch nach mehreren Kilometern Entfernung noch weit über dem des mittleren Rauschniveaus von 50 dB verbleibt.

Präsentation von Dr.-Ing. Wolfgang Rasim als PDF
Einleitung und Vortrag auf Youtube

Dr. med. Regina Pankrath klärte als Mitglied der "Ärzte für Immissionsschutz" über medizinische Aspekte tieffrequenten Lärms und insbesondere Infraschalls auf. Sie präsentierte zahlreiche neuen medizinischen Erkenntnisse der letzten Jahre. Frequenzen, die nach früheren Vorstellungen nicht wahrgenommen werden können, lösen im Gehirn nachweislich Gehirnaktivität aus. Bis hinab zu einer Frequenz von 8 Hertz, für die aufgrund veralteter Vorstellungen bisher keine Grenzwerte existieren. Doch nicht alle Menschen reagieren auf tieffrequenten Schall und Infraschall in der gleichen Weise. Studien zeigen, dass etwa 10-30% der Menschen hierauf empfindlich reagieren. Teilweise wird der tieffrequente Schall von ihnen als Brummen wahrgenommen oder löst ein Gefühl des Unwohlseins aus. Die Folge sind Schlafstörungen und Dauerstress, was auch zahlreiche Symptome wie Konzentrationsschwäche und Bluthochdruck nach sich zieht. Bei vielen Betroffenen führen diese Symptome zu schwerwiegenden chronischen Krankheiten bis hin zur Berufsunfähigkeit.

Dass nicht alle Menschen betroffen sind, sei dabei kein Grund zur Entwarnung: In den betroffenen Gebieten hätten die Problemen dann eine ähnliche Häufigkeit wie die Volkskrankheiten Migräne oder Diabetes. Dr. med. Pankrath warnte auch ausdrücklich vor der Vorstellung, dass Dinge, die man nicht bewusst wahrnehmen kann und nicht jeden sofort betreffen, automatisch harmlos seien. Als mahnendes Beispiel führte sie den früheren Umgang mit Radioaktivität und ultravioletter Strahlung auf. Auch dort dauerte es Jahrzehnte, ehe man die Wirkmechanismen erkannte und die Gefahren ernst nahm. Heute sind dort strenge Grenzwerte eine Selbstverständlichkeit. 

Präsentation von Dr. med Regina Pankrath als PDF
Vortrag auf Youtube

Christian Fabris vom Umweltbundesamt betonte, dass man das Problem tieffrequenten Schalls auf Bundesebene ernst nimmt. Bereits 2003 wurde eine Überarbeitung der DIN 45680 beschlossen. Der mit Grenzwerten abgedeckte Frequenzbereich soll deutlich in den Bereich des Infraschalls ausgeweitet werden und die Grenzwerte gesenkt werden. Doch wegen Einsprüchen und widersprüchlichen Forderungen von Betroffenen, Wirtschaft und Gesetzgeber wurden die ersten beiden Entwürfe 2011 und 2013 wieder verworfen. Seit 2016 arbeitet man am dritten Entwurf. Nach einer Machbarkeitsstudie laufe im Umweltbundesamt inzwischen auch ein Forschungsprogramm an, um die Auswirkungen von Infraschall zu untersuchen.

Präsentation von Christian Fabris (Umweltbundesamt) als PDF
Vortrag auf Youtube

Viele der rund 70 Besucher aus allen Teilen Brandenburgs kritisierten heftig, dass zu ihrem Schaden seit Jahren vollendete Tatsachen geschaffen werden. Während neue Grenzwerte nicht vorankommen und die gesundheitlichen Risiken noch erforscht werden, wüssten die Menschen längst, dass Windkraftanlagen die Wohn- und Lebensqualität im Umfeld senken. Peter Schulz vom Verband der Eigenheim- und Grundstücksbesitzer Brandenburg sagte, dass durch den Bau eines Windparks nahe gelegene Wohngebäude 30% und mehr an Wert verlieren. Die Betroffenen können also auch nicht einfach wegziehen und sich ein neues Haus kaufen. Zumal aufgrund der Windkraft-Ausbaupläne der Landesregierung die erhebliche Gefahr besteht, dass wenige Jahre später auch am neuen Wohnort Windkraftanlagen errichtet werden.

Die Landtagsabgeordnete Iris Schülzke (BVB / FREIE WÄHLER) rief auf, die Entscheidungsträger in Bund und Land durch Briefe und E-Mails mit ihren Problemen zu konfrontieren. Sie sicherte den Betroffenen weitere Unterstützung durch die Landtagsgruppe BVB / FREIE WÄHLER zu und kündigte Kleine Anfragen und Anträge im Landtag an, um den Betroffenen zu helfen.

Playlist aller Vorträge auf Youtube

Presseecho:
Gräfendorfer protestieren heute in Bad Saarow - Lausitzer Rundschau 05.05.2017