Lehrermangel in Theorie und Praxis

Unhaltbare Zustände in Schulen durch Lehrermangel – Mehr Geburten und mehr Zuzug – Forderung BVB / FW: 5.500 Neueinstellungen von Lehrern

Die Grundschule Schwärzesee in Eberswalde hat ein großes Problem namens Lehrermangel. Vier Lehrerstellen konnten nicht besetzt werden. Gleichzeitig stieg binnen eines einzigen Jahres die Zahl der Schüler von 286 auf 378 an. Die Konsequenzen wollten die Eltern nicht mehr hinnehmen, so dass sie sich direkt an den Landtag wandten. Wir haben die Elternsprecher Zsanett Bax und Steven Muggelberg zu unserer Pressekonferenz am 31.01.2017 eingeladen, um über die Folgen des Lehrermangels zu berichten.

Musik und Wahlfächer finden praktisch nicht mehr statt, der Unterricht beschränkt sich auf die wichtigsten Fächer wie Mathe und Deutsch. Doch auch diese fallen oft aus. So werden Drittklässler in der ersten und zweiten Klasse aufgeteilt, wo sie Informationen vorgesetzt bekommen, die sie längst gelernt haben. Oder sie werden auf vierte und fünfte Klassen aufgeteilt, wo sie mit Stoff konfrontiert werden, für den ihnen die Grundlagen fehlen und den sie folglich noch gar nicht verstehen können. Das Ergebnis ist Langeweile und Frust. 

Eigentlich wäre es Aufgabe eines Klassenlehrers, hier gegenzusteuern und für Ruhe in der Klasse zu sorgen. Doch selbst der fehlt in der dritten Klasse. So werden inzwischen die zum großen Teil berufstätigen Eltern gebeten, in der Grundschule als Betreuungspersonal auszuhelfen. Auch die Direktorin versucht selbst, durch zusätzliche Vertretungsstunden das Problem abzumildern – aber sie hat „nebenher“ auch eine Schule zu leiten. Und die Schule ist in einem sozialen Brennpunkt und hat 56 fremdsprachige Schüler, weitere 46 Schüler mit Sprachdefiziten, 34 Schüler mit emotional-sozialen Störungen oder Lernschwäche, zwei Sehbehinderte und zwei Schüler mit Sonderförderungsbedarf aufgrund ihrer geistigen Entwicklung. Doch für die über 120 Schüler mit erhöhtem Förderbedarf gibt es nur eine einzige speziell geschulte Lehrerin – das ist die gelebte Inklusion in Brandenburg. 

Äußerst kritisch stehen die Eltern daher auch zu den Versuchen, dem Lehrermangel mit Quereinsteigern Abhilfe zu schaffen. Die Quereinsteiger haben keine pädagogische Ausbildung und kommen mit den Kindern oft nicht klar, erst recht nicht mit denjenigen, die besonderen Förderbedarf haben. Ihre Erfahrung war, dass solche Lehrer meist nur einige Monate lang auftauchen und nach kurzer Zeit wieder verschwinden. 

Die landesweite Perspektive
Der Lehrermangel an der Schule ist Teil eines größeren Problems. Jahrelang gab es eine Abwanderung junger Familien und sinkende Kinderzahlen. Und man ging davon aus, dass es so weitergehen würde. Also schob man die scheinbar überschüssigen Lehrer in Frühpension, stellte kaum junge Lehrer ein und sorgte auch nicht dafür, dass genug Lehrer neu ausgebildet werden. Einsparmaßnahmen, die niemandem wehtun würden – wie man damals glaubte.

Doch seit fast 10 Jahren ändert sich die Bevölkerungsdynamik – langsam, aber kontinuierlich. Zum einen wachsen die Geburtenraten: Wurden 2006 noch 17.600 Kinder in Brandenburg geboren, waren es 2014 schon knapp 2.000 Kinder mehr. Momentan (über-)füllen diese zusätzlichen Kinder vor allem die Kitas, aber mit 5 - 6 Jahren Verzögerung führen die zusätzlichen Geburten auch zu 2.000 neuen Schülern pro Jahr.

Zudem hat sich das Wanderungssaldo des Landes Brandenburg massiv geändert. War es 2011 mit einem Zuwanderungssaldo von nur 2.500 faktisch ausgeglichen, wanderten 2014 bereits über 18.000 Menschen mehr zu als abwanderten. Und hierunter sind überproportional viele junge Familien, die ihre jungen Kinder mitbringen. Pro Jahr wandern per Saldo rund 1.000 Vorschulkinder mehr nach Brandenburg als wegziehen. Nach einigen Jahren gehen auch sie in die Schule. Bei den bereits schulpflichtigen Kindern kommen ebenfalls jährlich rund 1.000 Kinder mehr nach Brandenburg als wegziehen.

In den nächsten Jahren kommen also jährlich 4.000 mehr Schüler in Brandenburgs Schulen als noch vor 10 Jahren. Und sie bleiben dort für jeweils etwa 10 Jahre – wir müssen also langfristig mit 40.000 zusätzlichen Schülern rechnen. Hinzu kommen die 2015/2016 zusätzlich eingetroffenen 4.000 schulpflichtigen Flüchtlingskinder. Außerdem müssen die rund 250.000 Ausfallstunden im Jahr endlich abgebaut werden. Insgesamt ergibt sich ein Bedarf an rund 3.400 zusätzlichen Lehrern.

Wieviele Lehrer aufgrund der im Bundesvergleich niedrigsten Gehälter in andere Bundesländer wechseln werden, lässt sich leider nicht vorhersagen. Aber bekannt ist, dass der Altersschnitt der Lehrer in Brandenburg bei über 50 Jahren liegt. Eine Kleine Anfrage unserer Landtagsabgeordneten Iris Schülzke hatte schon 2016 ergeben, dass daher in den nächsten 5 Jahren über 1.900 Lehrer plangemäß in Pension gehen. Auch diese Lehrer müssen ersetzt werden. 

Somit ergibt sich – auch ohne Abwanderung von Lehrern – ein Bedarf an rund 5.500 neuen Lehrern, die in den nächsten Jahren eingestellt werden müssen. Versprochen hat die Landesregierung nur 4.000 und dies als „Verbesserung“ ausgegeben. In Wahrheit lässt sich damit nicht einmal der Status quo halten.

Wir fordern daher, dass langfristig 5.500 neue Lehrer eingestellt werden. Die Lehrer von anderswo zu holen, dürfte schwer sein, denn der bundesweite Markt für qualifizierte Lehrer ist leer gefegt. Die Abwanderung von Lehrern ist durch eine Einigung mit den Lehrergewerkschaften einzudämmen. Mit der Ausbildung neuer Lehrer ist jetzt zu beginnen – sonst ist es zu spät, den Lehrerbedarf, der sich aus dem heutigen „Babyboom“ ergibt, aus eigener Kraft zu decken.

Dokumente:
Antwort Landesregierung auf Kleine Anfrage „Überalterung der Lehrer in Brandenburg“
Statistischer Bericht „Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstand im Land Brandenburg Dezember 2015“
Statistischer Bericht „Wanderungen Land Brandenburg 2011“
Statistischer Bericht „Wanderungen Land Brandenburg 2014“

Presseecho:
Lehrermangel an Grundschule in Eberswalde – Eltern helfen im Unterricht aus – RBB 31.01.2017
Beitrag Antenne Brandenburg am 01.02.2017 (nicht online verfügbar)